Transformation. Einordnung eines schillernden Begriffs

von Tobias Faix und Tobias Künkler

Transformation – ein schillernder Begriff. Für die einen atmet er Verheißung und birgt Hoffnung, für die anderen klingt er nach Bedrohung und löst Ängste aus, für Dritte ist er eine Worthülse, die jede Menge leere Versprechungen enthält. Der Begriff scheint ebenso vieldeutig und komplex, wie die Sache, die er zu benennen versucht. Aus unterschiedlichen theoretischen und disziplinären Perspektiven wird der Begriff Transformation auf vielfältige Phänomene angewendet oder dient als Zielperspektive für unterschiedliche Prozesse und Entwicklungen. In diesen Dschungel an Verwendungungsmöglichkeiten will dieser Band Schneisen der Orientierung und des tieferen Verständnisses schlagen und das in erster Linie nicht aus einer akademischen Perspektive. Bei aller Polyvalenz, Unter- und Überbestimmtheit, ist das Konzept Transformation ein Schlüssel: nicht zur zum besseren Verständnis des Wandels von Gesellschaft und Kirche und der historisch-kulturellen Situation, in der wir leben, sondern auch zur aktiven Mitgestaltung von Transformation. Zum einen als Herausgeber dieses Bandes und zum anderen als Studiengangsleiter eines interdisziplinären Studiengangs „Transformationsstudien: Öffentliche Theologie und Soziale Arbeit“ sind wir überzeugt davon, dass Transformation ein Schlüssel für eine Haltung sein kann, die dazu führt, dass Akteur*innen angesichts massiver Umbruchsprozesse und den damit einhergehenden Herausforderungen nicht passiv-defensiv verharren oder vor Angst versteinern, sondern Transformation aktiv gestalten. Dies bedeutet weder, einem blinden Aktionismus zu frönen, noch der Illusion zu verfallen, man könne Transformationen im engeren Sinne machen oder herstellen. Dass eine aktive Gestaltung auf Basis einer entsprechenden Grundhaltung und mit Hilfe passender Sehhilfen (Theorien), Orientierungen (Konzepte) und Werkzeuge (Methoden) Frucht trägt und soziale Innovationen hervorbringen kann, haben wir in den Transformationsstudien vielfach in den Praxisprojekten der Studierenden erleben dürfen. Um einen permanenten und konsequenten Theorie-Praxis-Dialog zu gewährleisten, führen alle Studierenden ein eigenes Praxisprojekt durch. Diese Praxisprojekte beeinflussen wiederum das theoretische Reflektieren und haben somit maßgeblichen Einfluss auch auf dieses Handbuch. Etliche dieser Projekte sind, neben vielen Erfolgen und angestoßenen Transformationsprozessen, an manchen Stellen gestolpert oder auch gescheitert. Ein beständiges Trial-and-Error und eine explorativ-suchende Grundhaltung gehören dazu, wenn man sich als Pionier*in in unbekanntes Terrain gibt.

Transformation als Gegenstand

Auch in den Transformationsstudien beziehen wir uns sowohl auf deskriptiv-beschreibende als auch auf normativ-wertende Konzeptionen von Transformation. Dies soll gleich noch genauer erläutert werden. Sucht man jedoch zunächst nach einer Art kleinstem gemeinsamen Nenner der unterschiedlichen Transformationsverständnisse, dann lässt sich vielleicht Folgendes formulieren: Transformation meint immer mehr als irgendeine Veränderung. Transformation ist immer tiefgehend (statt oberflächlich), paradigmatisch/umfassend (statt partiell), nachhaltig (statt situativ) und systemverändernd bzw. strukturell. Es geht um eine Trans-Formation, die Neu- oder Umformatierung einer bestehenden Formation.

Ist Transformation im Wesentlichen der Gegenstand einer untersuchend-analytischen Perspektive, versucht man solche paradigmatisch-strukturellen Veränderungsprozesse zu verstehen oder erklären. Der Untersuchungsgegenstand Transformation kann sich dabei auf ganz unterschiedlichen Ebenen befinden. Erstens auf einer gesellschaftlichen Mikroebene, in der zunächst die Transformation einzelner Menschen in den Blick kommt, z. B. aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive als transformative Lern- oder Bildungsprozesse, aber auch auf psychologischer oder theologischer Ebene als Konversion oder Dekonversion. Auf einer Mesoebene analysiert man zweitens die Transformation von Institutionen oder Organisationen, z. B. aus einer systemischen, organisationstheoretischen Perspektive. Transformationen der Gesamtgesellschaft liegen drittens auf der Makroebene. So untersucht man aus soziologischer Perspektive, wie bestimmte gesellschaftliche Megatrends wie Digitalisierung nachhaltig alle gesellschaftlichen Teilbereiche verändern oder man forscht aus politikwissenschaftlicher Perspektive, wie sich in den Staaten des ehemaligen Ostblocks der politische Systemwechsel vollzogen hat. Viertens gibt es auch noch Transformationsprozesse auf der Metaebene, hier betrachtet man Ideen und Prozesse, die Gesellschaft und Kultur zuerst konstitutieren, also zugleich formen und hervorbringen, z. B. aus philosophisch und/oder historischer Perspektive. Dabei geht es darum, wie es genau dazu kam, dass das moderne Selbst- und Weltbild entstanden ist.

Transformation als Ziel

Gute deskriptive Analysen sind notwendig, um zumindest ein Stück weit zu verstehen, wer wir heute sind, was dieses Heute ist und warum und welche Stürme der Veränderung uns umwehen. Zugleich reicht es unseres Erachtens nicht, bei einer solchen Analyse stehenzubleiben. Wie angedeutet helfen dabei die Konzeptionen von Transformation, die mit mit dem Begriff eine Zielperspektive aufstellen, auf die hin sich orientiert werden sollte.

Zunächst gibt es da ganz faktisch die Notwendigkeit oder gar den Zwang zur Transformation von bestehenden Systemen, die in einer Transformationsgesellschaft überleben wollen. Nur ein Beispiel hierfür ist die Kirche (besser: die Kirchen), die sich überwiegend in Schrumpfungsprozessen befinden und beständig an gesellschaftlicher Relevanz, finanziellen und personellen Ressourcen und damit an Gestaltungskraft verlieren. Ähnlich sieht es gesamtgesellschaftlich aus. Wir wissen immer deutlicher, dass die Menschheit längst mehrere planetare Grenzen überschritten hat und dabei hochkomplexe, irreversible Prozesse in Gang gesetzt hat, die gravierende negative Auswirkungen auf die Menschheit haben werden, besonders auf die zukünftigen Generationen und besonders die in Armut lebenden. Vor allem unter dem Eindruck der Klimakrise wächst gegenwärtig das gesellschaftliche Bewusstsein, dass es eine „Große Transformation“ hin zu einer wirklich nachhaltigen Gesellschaft geben muss. Ob den wachsenden Einsichten und Worten auch entsprechende Taten folgen, ist gegenwärtig offen. Einen Zwang zur Transformation zu postulieren mag harsch klingen, aber letztlich stehen wir hier vor der Wahl, wie sie Harald Welzer folgendermaßen auf den Punkt brachte: „Transformation by design oder desaster“.  Entweder wir schaffen es, die nötigen Transformationen zu gestalten, oder wir werden durch Krisen und Katastrophen hierzu genötigt. Betrachtet man die wissenschaftlichen Prognosen des Klimawandels, dann werden die bereits gravierenden gesellschaftlichen Transformationen und Änderungen unserer Lebensweise, durch die wir gegenwärtig durch die Covid-19-Pandemie gezwungen werden, im Rückblick dabei vielleicht vergleichsweise harmlos erscheinen.

Angesichts dieser Herausforderungen verlassen auch viele Wissenschaftler*innen aus Disziplinen, die traditionell eher analytisch-deskriptiv arbeiten, die bequem neutrale Zone des Elfenbeinturms. In den Sozialwissenschaften ist die Öffentliche Soziologie (public sociology), die Gesellschaft weder nur beschreiben noch bloß kritisieren will, sondern mittels Wissenschaft und deren Kommunikation sich aktiv in die Gestaltung dieser Gesellschaft einmischen will, ein Beispiel. Ein anderes ist der wissenschaftstheoretische Ansatz einer transformativen Wissenschaft, die sich dezidiert als ein Akteur in der Großen Transformation versteht und diesen Prozess mit den zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Mitteln mitgestalten möchte, ohne dabei wissenschaftliche Qualitäts- und Gütekriterien zu unterlaufen.

In unserem interdisziplinären Studiengang der Transformationsstudien setzen wir nicht nur an den beschriebenen deskriptiven und normativen Perspektiven von Transformation an, sondern bringen zwei wissenschaftliche Disziplinen in einen Dialog, die beide, zumindest in manchen ihrer Theorietraditionen und Selbstverständnisse, auf Transformation zielen: zum einen die Sozialarbeitswissenschaft, zum anderen die Theologie.

Die Disziplin der Sozialarbeitswissenschaft dient der Profession der Sozialen Arbeit. Diese ist entstanden aus einer langen Geschichte der Hilfe von Menschen in Not und der Institutionalisierung dieser Hilfe. Historisch trat sie auf zu Beginn der modernen Gesellschaft als Ersatz für schwindende familiäre und verwandtschaftliche Sicherungs- und Erziehungsleistungen. Als eine solche soziale Feuerwehr wird sie auch heute noch oft missverstanden. Soziale Arbeit möchte jedoch nicht nur die Folgen sozialer Probleme vermindern, sondern vor allem präventiv arbeiten und dies nicht nur auf der Ebene von Einzelnen oder Gruppen, sondern auch von ganzen Gemeinwesen und letztlich gesamtgesellschaftlich. Soziale Arbeit zielt auch darauf, gesellschaftliche Entwicklungen positiv zu beeinflussen und mitzugestalten, indem mit den Maßstäben sozialer Gerechtigkeit und der allgemeinen Menschenrechte Veränderungsbedarf angemahnt wird, an der Transformation von Strukturen und Systemen mitgearbeitet wird und indem Einzelne dazu befähigt und befreit werden, Akteur*innen zu werden, die an Gesellschaft teilhaben und Gesellschaft mitgestalten können.

Schließlich gibt es theologisch ein Verständnis von Mission als Transformation, verstanden als Aufruf zur Gestaltung der Welt im Licht des Evangeliums und als Partizipation an Gottes Heilshandeln auf allen Beziehungsebenen: der Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Schöpfung und zu Gott.

Sowohl theologisch als auch sozialarbeitswissenschaftlich kann aus einer solchen Perspektive die Große Transformation als Teil des Ziels von Mission einerseits und der Profession Sozialer Arbeit andererseits betrachtet werden. Die Missionen aller drei Bereiche unterscheiden wie überschneiden sich dabei: die theologisch formulierte Mission Gottes, das sozialarbeitswissenschaftlich formulierte Ziel der Gestaltung einer sozial gerechten und menschenrechtsorientierten Gesellschaft und das gesamtgesellschaftlich ausgerufene Ziel einer Großen Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Eine hohe Übereinstimmungen gibt es jedenfalls in den Grundwerten: soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte, Solidarität, Achtung der Vielfalt, Freiheit, Gleichberechtigung als Werte der Profession Sozialer Arbeit; Gerechtigkeit, Liebe, Ebenbildlichkeit Gottes, Gleichwürdigkeit, Barmherzigkeit, Verantwortung zur Weltgestaltung und Freiheit als Werte einer Theologie der Transformation. Ähnlich gibt es eine Konvergenz in den Zielen und damit teils auch in den Praktiken: eine Veränderung des Menschen, seiner Lebenslage und der die Lebenslage bedingenden gesellschaftlichen Strukturen hier und eine Veränderung der Herzen und der Verhältnisse da.
Somit sind in einer systematischen Logik die unterschiedlichen Typen von Transformationsverständnissen skizziert, Transformation als Gegenstand und als Ziel, wie sie auf unterschiedlichen Ebenen untersucht und aus unterschiedlichen Perspektiven anvisiert wird.

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